Herbert Helbig
Wandrerflausen

Zweifelhafte Erzählungen und verworrene Gedanken eines
sächsischen Fußgängers

Alle Rechte vorbehalten.
© Herbert Helbig, Dresden 1998

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Wer ihn kennt, den Geruch der Luft über dem Gebirge im Sommer, den Geschmack des Schweißes auf dem Weg bergan, das Stechen kalten Regens im Gesicht und das Schweben des Blickes in einer Landschaft, wird dieses Buch verstehen.

Man spricht vom Gang der Dinge, höchstens noch von ihrem Lauf, nie aber von ihrer Fahrt oder gar ihrem Flug. Der Mensch, der fährt oder fliegt, überholt also die Dinge in ihrem Gang, kommt vor ihnen an. Nicht sicher ist allerdings, ob er am gleichen Punkt ankommt wie sie, denn nur schwer ist ihr Ziel vorherzusehen. So steht er dann und harrt der Dinge, die da kommen sollen. Oft kommen sie nicht, manchmal ganz andere aus überraschenden Richtungen.

Wandern ist ein Zustand, der den Menschen im Einklang sein läßt mit den Dingen.

Wandern kann vielerlei sein. Mühelos findet man zwei Dutzend Hauptworte zusammen, die auch mit den vorgesetzten Silben "wander" einen Sinn ergeben. Auch wer am Schreibtisch sitzt, kann wandern, vielleicht gar zwischen zwei Welten.

Wandern schillert in seiner Bedeutung für den, der es tut: Es kann Rausch sein und Suche, Weisheit und Sport, Ausflucht und Ertüchtigung, Abenteuer und Belehrung.

Wandern heißt vor allem schauen, nicht hastig hinsehen um lebenswichtige Informationen ergattern und eilig verarbeiten zu können. Wandern heißt auch bauen an Gedanken, denen es nichts ausmacht, verworfen zu werden, wenn sich herausstellt, daß sie nichts taugen. Und Wandern heißt, die Kraft zu entwickeln, sich gegen die Müdigkeit, das Wetter und die Unbilden der Landschaft durchzusetzen.

Wie unterschiedlich sind doch Landschaften, wenn sie nicht durch das platte Band der Straße auf den gleichen Nenner gebracht werden! Der Wanderer unterscheidet die Täler nach Milde und Herbheit, Enge und Weite, Freundlichkeit und Trotz und vielen anderen Eigenschaften. Ihn spricht der Bauer an auf dem Feld oder der Handwerker in der Kneipe. Er empfindet die Abgelegenheit eines Weilers und versteht die Haltung derer, die da wohnen. Er sieht den Eisvogel und erkennt die Reviergrenzen der Wasseramsel, weiß also, daß echte Schönheit aufblitzt und verfliegt, daß Lebensbereiche beschränkt sein müssen und können. Er atmet mit der Landschaft und schreitet in ihrem Rhythmus.

Schon Aristoteles und die Peripatetiker bemerkten, wie förderlich das Gehen auf die Ausbildung von Gedanken wirkt. Rousseau war ein Meister darin, dies auszuschöpfen und seine Gelenke nutzten sich dabei auf die gleiche Weise ab wie die heutigen. Zuletzt war er wohl noch in der Lage, viele Kilometer zu wandern, aber er konnte nicht mehr über einen auch noch so schmalen Bach springen. Viel von diesem Büchlein ist auf Wanderungen zusammengedacht worden. Noch viel mehr von dem gehend Erfundenen verwehte der Wind wie vermodertes Herbstlaub im Winter.

Der Wind, der die Wolken bringt und vertreibt, der wärmend streichelt und kalt peitscht, die Regentropfen waagerecht dahinfegt und die nasse Erde trocknet, ist der Spießgeselle des Wanderers. Ein verräterischer, muß man sagen. Oft bleibt er aus, wenn man seinen Hauch dringend notwendig hat. Oft auch schon hat er - heftig stürmend - Menschen unter Schnee, unter Sand begraben oder zu Tode gekühlt. Wie der Wind sich verhält, ist wichtiger für den Wanderer als die Machenschaften des Regens, die Launen der Temperatur oder die boshaften Strahlen der Sonne.

Wanderer sind nicht wie andere Leute. Also sind sie Narren. Sie gehen zu Fuß. Sie streben nicht auf dem kürzesten Weg zum nächsten Wirtshaus. Sitzen sie aber darinnen, ist es Bleibe für sie, nicht Gelegenheit zum Schlingen, Schlucken und Davoneilen.

Wanderer achten sorgfältiger auf das Wetter als andere Leute, aber sie unterwerfen sich ihm nicht. Sie Schreiten durch Sturm und Regen genauso selbstverständlich wie durch Sonne und Glast. Umschwüngen können sie trotzen. Sie sind vorbereitet.

Wanderer erkennen einander auch in Verkleidungen, wie die Arbeistlosen, die Obdachlosen, die Trinker, die Musikanten, die Weisen und die Juden. Und überhaupt alle, die ganz auf sich selbst zurückgeführt sind, aus Charakterstärke oder äußerem Zwang.

Wanderer sind Narren, die sich aus dem Stinkicht einer besitzbeherrschten, autostrotzenden Gesellschaft ins Dickicht der Berge und Wälder flüchten ohne die Hoffnung, sich verbergen zu können.

So sind die Texte gedacht: Von einem Wanderer für einen Wanderer. Man bedenke aber, daß wir doch alle Wanderer durch das Leben sind. Vielleicht öffnen meine Worte manches Auge für die Fußwege im Geiste, und für den Blick auf eine Pflanze, ein Tier, einen Menschen.

Mehr will das Büchlein nicht.


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  Inhaltsverzeichnis  
  Einleitung  

Pepík auf dem Rosenberg
Winterstein
Rachel

Abend auf der Goldsteinaussicht
Stille
Klang der Landschaft
Leutascher Ache
Wegweisen
Wegenetz
Das Saugartenmoor

Murmelfoto
Murmelpolitik
Haflinger in Urlaub
Alpendohlenmafia
Dackel auf Reisen

Hochzeitsnacht
Nacht mit Story und Katze
An der Strecke
Die Schloßjungfrau zu Schandau
Daniels Freund

Schweres Gepäck
Alte Kameraden
Das Urvieh
Wilder Mann
Schmilkaer Fährleute

Schandauer Ratsstube
Aufstieg eines Königs
Wie das Dorf Seltensaat wüst wurde

Alle Rechte vorbehalten.
© Herbert Helbig, Dresden 1998

Unglücklicherweise habe ich verschiedentlich Striche und Häkchen an Buchstaben in den tschechischen Worten nicht anbringen können. Ich versichere, daß dies nicht aus Arroganz geschehen ist, und bitte meine tschechischen Leser um Entschuldigung.

Ich wünsche mir Kritiken und Fragen an die Anschrift:

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